Getreidefreies Futter: Sinnvoll oder Marketing?

Getreidefreies Futter liegt im Trend — aber braucht dein Hund das wirklich? Die Fakten hinter dem Marketing-Hype.

7 Min. LesezeitAktualisiert: März 2026

Getreidefreies Hundefutter boomt. Die Marketing-Versprechen klingen überzeugend: natürlicher, gesünder, besser verträglich. Doch was sagt die Wissenschaft? Braucht dein Hund wirklich getreidefreies Futter -- oder fällst du auf einen teuren Marketing-Trend herein?

Mythos vs. Realität: Können Hunde Getreide verdauen?

Kurze Antwort: Ja, die meisten Hunde können Getreide sehr gut verdauen. Anders als Wölfe haben Haushunde im Laufe der Domestikation Gene entwickelt, die die Produktion des Enzyms Amylase steigern -- dem Enzym, das Stärke spaltet. Studien zeigen, dass Hunde bis zu 30-mal mehr Amylase produzieren als Wölfe.

Das bedeutet: Getreide wie Reis, Hafer oder Hirse ist für die meisten Hunde ein gut verdaulicher Energielieferant. Es liefert Kohlenhydrate für die Energieversorgung, Ballaststoffe für eine gesunde Verdauung und B-Vitamine.

Der Mythos "Getreide ist schlecht für Hunde" stammt aus der BARF-Bewegung und wurde von Marketing-Abteilungen der Futtermittelindustrie aufgegriffen. Die Realität: Nicht Getreide an sich ist problematisch, sondern die Menge und Qualität. Billigfutter, das zu 60 % aus Maismehl besteht, ist minderwertiger als Futter mit Reis als Kohlenhydratquelle und hohem Fleischanteil.

Wann ist getreidefreies Futter sinnvoll?

Getreidefreies Futter ist in genau einem Fall sinnvoll: Wenn dein Hund eine nachgewiesene Getreide-Allergie hat. Das betrifft etwa 1–2 % aller Hunde mit Futtermittelallergien -- und die häufigsten Allergene sind ohnehin Rind, Huhn und Milchprodukte, nicht Getreide.

Eine echte Getreide-Allergie zeigt sich durch Juckreiz, Hautprobleme und/oder Verdauungsbeschwerden, die verschwinden, wenn du Getreide aus dem Futter streichst, und zurückkehren, wenn du es wieder einführst (Provokationstest). Ohne diesen Nachweis ist die Umstellung auf getreidefreies Futter reine Vermutung.

Manche Hunde vertragen bestimmte Getreidesorten nicht, andere aber schon. Weizen ist die häufigste problematische Getreidesorte. Reis, Hafer und Hirse werden dagegen von fast allen Hunden problemlos vertragen. Statt komplett getreidefrei zu füttern, reicht es oft, Weizen durch Reis oder Kartoffel zu ersetzen.

FDA-Warnung: Herzerkrankung durch getreidefreies Futter?

2018 veröffentlichte die US-amerikanische Food and Drug Administration (FDA) eine Warnung, dass getreidefreies Hundefutter möglicherweise mit einem erhöhten Risiko für Dilatative Kardiomyopathie (DCM) zusammenhängt -- eine schwere Herzerkrankung, bei der der Herzmuskel erschlafft.

Der Verdacht: In getreidefreiem Futter wird Getreide häufig durch Hülsenfrüchte (Erbsen, Linsen, Kichererbsen) und Kartoffeln ersetzt. Diese Zutaten könnten die Aufnahme des Aminosäure Taurin behindern, die für die Herzgesundheit essenziell ist. Besonders betroffen waren Hunderassen, die normalerweise kein erhöhtes DCM-Risiko haben.

Stand 2026 ist der kausale Zusammenhang wissenschaftlich nicht abschließend bewiesen, aber die FDA-Untersuchung läuft weiter. Mehrere Studien haben einen statistischen Zusammenhang bestätigt, ohne einen eindeutigen Mechanismus nachzuweisen. Die meisten Tierernährungsexperten raten mittlerweile davon ab, getreidefreies Futter ohne medizinische Indikation zu füttern.

Marketing-Tricks der Futtermittelindustrie

Die Futtermittelindustrie nutzt den getreidefreien Trend geschickt aus. Häufige Marketing-Strategien:

"Getreide = Füllstoff": Getreide pauschal als minderwertigen Füllstoff darzustellen ist falsch. Hochwertiges Getreide (Vollkornreis, Hafer) ist ein wertvoller Nährstoff. Problematisch sind nur minderwertige Getreidenebenprodukte wie Weizenkleie oder Maisgluten als Hauptzutat.

"Natürlich wie der Wolf": Hunde sind keine Wölfe. 15.000 Jahre Domestikation haben die Verdauung grundlegend verändert. Das Wolf-Argument ignoriert die genetische Anpassung an stärkehaltige Nahrung.

"Premium" und "Holistic": Diese Begriffe sind nicht geschützt und sagen nichts über die Qualität aus. Ein Futter mit dem Label "holistic grain-free" kann trotzdem minderwertige Zutaten enthalten -- nur eben ohne Getreide.

Der Preisunterschied ist erheblich: Getreidefreies Futter kostet im Schnitt 20–40 % mehr als vergleichbares Futter mit Getreide. Bei einem mittelgroßen Hund sind das 10–25 Euro Mehrkosten pro Monat -- ohne nachgewiesenen gesundheitlichen Vorteil.

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Tierarztkosten absichern

Ob Allergie-Diagnostik, Darm-OP oder chronische Erkrankung -- eine Hundekrankenversicherung übernimmt die Kosten beim Tierarzt.

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Unsere Empfehlung: Fakten statt Trends

Bevor du zu getreidefreiem Futter greifst, stelle dir diese Fragen:

  1. Hat dein Hund tatsächlich Symptome? (Juckreiz, Durchfall, Hautprobleme) -- Wenn nein, gibt es keinen Grund umzustellen.
  2. Wurde eine Getreide-Allergie nachgewiesen? (durch Ausschlussdiät) -- Wenn nein, ist Getreide wahrscheinlich nicht das Problem.
  3. Welches Getreide steckt im aktuellen Futter? -- Reis und Hafer sind für die meisten Hunde unbedenklich. Nur Weizen ist gelegentlich problematisch.

Wenn dein Hund gesund ist, sein aktuelles Futter gut verträgt und normalen Kot hat, gibt es keinen wissenschaftlichen Grund, auf getreidefreies Futter umzustellen. Investiere das gesparte Geld lieber in hochwertiges Futter mit hohem Fleischanteil -- egal ob mit oder ohne Getreide.

Und wenn gesundheitliche Probleme auftreten: Gehe zum Tierarzt, bevor du eigenständig das Futter umstellst. Eine professionelle Diagnose spart dir am Ende Zeit, Geld und deinem Hund unnötiges Leiden. Die Tierarztkosten für eine Ernährungsberatung liegen bei 50–100 Euro -- eine sinnvolle Investition, verglichen mit monatelangem Herumprobieren auf eigene Faust.

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